Langsam aber fest fahren beide meiner Mittelfinger meine Augenbrauen entlang, bis zu den Schläfen, und ich genieße den Druck und die Wirkung, die es auf mich hat. Ich strecke mich, lasse die Halswirbel ein paar Mal knacken. Was für eine Wohltat, sich so lang zu machen und dann komplett zu entspannen. Loszulassen. Katze müsste man sein! Den ganzen Tag nur so rumliegen, sich recken, sich kraulen lassen, fressen, und wieder pennen. Ich glaub entspannter geht es kaum.

Ich schaue auf den Bildschirm und nicke fast ein – dann reißt mich die Flex der Handwerker in der Küche (ich bekomme heute eine neue Therme) unsanft aus meinem turbulenten Gedankenfluss, holt mich direkt ans Ufer, wo ich mich völlig von Gedanken durchnässt schüttele wie eine Neuköllner Promenaden-Mischung und erstmal Luft holen muss. Ach, stimmt ja! Einen Moment lang war ich völlig abgedriftet, und wäre meine Webcam an gewesen, sie hätte mein entrückt-zufriedenes Lächeln eingefangen. Ich nehme eine Gurke aus dem Glas und stecke sie mitsamt dem letzten Stück Brot in den Mund. Ich muss an Oma denken, von der ich diesen Leberwurst-Gürkchen-Tick habe. Das gab es immer bei ihr damals, niemand sonst in meiner Familie mag das. Latsche in die Küche und stelle mein Geschirr in die Spüle. Die Kollegen grinsen, aber ich glaube, sie meinen nicht mich, sondern den Dinosaurier mit der 3D-Brille auf meinem Sweatshirt. Der eine fragt, ob er mal auf’s Klo darf. „Wär ja noch schöner!“ murmele ich mit vollem Mund und zeige auf die Badezimmertür. Dann überlasse ich die Jungs wieder sich selbst und kehre zurück an meinen Gedankenfluss.

Ich hocke am Ufer und lasse den Blick schweifen. Schmeiße Steinchen in den Fluss. Ich finde ein paar flache und probiere diesen Trick, die Steine hüpfen zu lassen. Beim Versuch aufzustehen rutsche ich aus und lande mitten im Fluss, aber das ist mir egal. Ich drehe mich auf den Rücken und schaukele flussabwärts, schaue in den Gedankenhimmel über mir, jede Wolke ein neuer Einfall, jeder Sonnenstrahl dahinter eine gute Idee. Die Strömung versetzt mich in einen langsamen Taumel, ich drehe mich im Kreis, aber mir wird nicht schwindlig. Ich lasse mich treiben, ohne Ziel, und stoße auf einen Gedanken, der mir gefällt und beschließe, zu verweilen. Ich beschäftige mich mit ihm, schaue ihn mir von allen Seiten an. Er ist vertraut, dieser Gedanke, und doch völlig neu und ein bisschen fremd. Wie etwas, was man vor langer Zeit schon mal gedacht hat, doch erst jetzt kann man es überhaupt begreifen und den Sinn dahinter verstehen. Ich bin vorsichtig, denn ich habe Angst, ihn kaputtzumachen. Außerdem sieht man manches von fern besser. Doch ich will ihn auch aus nächster Nähe sehen, irgendwo in mir ist eine große Sehnsucht, diesen Gedanken zu ergründen und herauszufinden, was dahintersteckt.

Doch ich habe auch Respekt vor dem Gedanken, der sich dieses Mal als Vermutung verkleidet hat, so wie ich auch vor „richtigen“ Flüssen (und Gewässern allgemein) Respekt habe. Denn sollte sich meine Vermutung bewahrheiten, würde das alles ändern. Mich mitreißen, wie eine Meereswelle oder die Strömung des Flusses, der Strudel im See. Es würde mich überwältigen. Allerdings nicht in dem Sinne, dass ich machtlos wäre. Ich würde mich überwältigen lassen.

Ich gehe kurz in die Küche und checke die Lage. Die neue Therme hängt und sieht sehr chic und modern aus – so chic wie eine Gastherme eben aussehen kann. Die Kollegen haben eine Wasserwaage, die per Magnetkraft an metallischen Oberflächen (wie der Therme) haftet, und ich bin neidisch. Ich habe auch eine Wasserwaage, aber meine hat keinen Magnet. Kollege A erzählt, dass das eigentlich gar nicht so geil wäre, weil er die ständig irgendwo vergisst – weil die ja so schön da hängt, die Wasserwaage. Ich glaube, sie finden es beide ein bisschen niedlich, dass ich (als Mädchen) so neidisch bin. Ich verschweige ihnen meinen allgemeinen Werkzeug-Fetisch (Baumärkte sind das allergeilste auf der Welt, vom Geruch bis zum Sortiment) und gehe zurück in mein Zimmer.

Der Gedankenfluss hat sich in einen stillen klaren See verwandelt und ich stürze mich kopfüber und nackt (im übertragenen Sinn – da sind Handwerker in meiner Küche) hinein, tauche ein und bin umgeben, fühle mich sicher und leicht, ich öffne die Augen und sehe klar. Und ich erkenne den Gedanken wieder. Ich habe ihn tatsächlich schon einmal gedacht. Das ist lange her, und damals hatte ich Angst vor ihm, bzw. den Konsequenzen. Das ist jetzt anders. Ich habe dazugelernt. Ich habe gelernt, im Gedankenfluss zu schwimmen, habe keine Angst mehr unterzugehen. Wenn man lernt, mit ihnen zu schwimmen, können sie einen nicht mehr runterziehen, und so bleibt immer Luft zum Atmen.