6. Oktober 2014

Broken Chemistry

Als ich im achten Schuljahr zum ersten Mal mit dem Fach Chemie in Berührung kam, war ich fasziniert. Diese Faszination ging zurück, als dann in der neunten oder zehnten Klasse die organische Chemie drankam – das wurde mir dann irgendwann zu hoch, und meine anfänglich guten Noten siedelten sich im Mittelfeld an. Sobald ich konnte (in der zwölften Klasse), wählte ich das Fach ab, gleich nach Physik, das ich schon in der elften abgewählt hatte.

Seitdem habe ich mich eigentlich wenig mit Chemie beschäftigt, wenn man mal von der zwischenmenschlichen Chemie absieht. Warum auch? Es bestand ja kein Grund.
Dass ich mich jetzt mit ihr beschäftige liegt nicht etwa daran, dass ich Kinder im schulfähigen Alter hätte, denen ich bei den Hausaufgaben helfen muss, sondern daran, dass die Chemie bei mir im Kopf regelmäßig komplett aus dem Gleichgewicht gerät. Mich lahmlegt und zu jemandem macht, der ich nicht bin und auch nicht sein will.
Woran das liegt, werden die meisten Frauen wissen: that time of the month. PMS ist mittlerweile medizinisch und wissenschaftlich nachgewiesen und auch einigermaßen erforscht; dennoch ändert diese Feststellung allein ja nichts an dem Leidensdruck, dem viele Frauen (mich eingeschlossen) jeden Monat ausgesetzt sind.
Ich kann natürlich nicht für die Gesamtheit der Frauen auf diesem Planeten sprechen, ich kann lediglich versuchen zu beschreiben, was ich jeden Monat aufs Neue – mal mehr und mal weniger schlimm – erlebe und was das mit mir macht.

Es passiert oft völlig unerwartet. Ein Glas fällt runter und geht kaputt. Eigentlich kein Ding, und bis eben war auch noch alles okay, Gläser hab ich schließlich genug, ich hab einen Besen zum Wegfegen der Scherben, also… Und dennoch fange ich an zu heulen und bin mit der Situation völlig überfordert. Finde mich selbst unfähig und scheiße und vergleiche mein gesamtes Dasein mit diesem einen Malheur. Der Kopf sagt: „Stell dich nicht so an, mach die Scherben weg und fertig.“ Aber das Herz weint, es weint und weint und kommt nicht zur Ruhe und beschäftigt sich mit so sinnlosen Fragen wie „Warum fällt ausgerechnet MIR dieses verkackte Glas runter?“
Und so sehr ich das möchte und auch versuche, an etwas anderes denken, etwas anderes machen, Ablenkung, etc., es klappt nicht immer, und dann fühlt man sich wie der letzte Mensch. Ich habe große Angst, diesen nächsten Satz zu schreiben (ich habe das auch noch niemandem so richtig gesagt), weil da oft das Verständnis der Mitmenschen fehlt, aber Tatsache ist: in diesen Momenten fühle ich mich super einsam. Dann nimmt ein sehr schmerzhaftes Gefühl von mir Besitz, begleitet von dem Gedanken und der Angst, allein zu bleiben. Für den Rest meines Lebens. Dann wird mein Tun und Handeln von der Überzeugung gelenkt, nie wieder jemanden zu finden und allein alt zu werden. Keinen, der mich so nimmt und akzeptiert wie ich bin, ohne den Versuch, mich umzuerziehen. Da ist kein Kindergeschrei in meinem Leben, kein Zusammenleben mit dem Partner, nichts.

Natürlich habe ich neben meiner Familie (und hier hauptsächlich meiner Schwester) Menschen in meinem Leben, die ich Familie nenne, trotzdem wir nicht verwandt sind, Menschen, denen ich davon erzählen kann, jedoch weiß ich nicht, inwieweit sie das alles wirklich nachvollziehen können. Oft habe ich erlebt, dass sich Menschen abwenden. Weil sie es nicht verstehen, sich nicht damit befassen wollen (was irgendwie auch nachvollziehbar ist) oder es schlicht anstrengend finden. Oder zickig. Im vergangen Jahr hatte ich glücklicherweise die Kraft zu erkennen, dass diese Menschen schlichtweg nicht „meine“ Menschen sind und habe den Kontakt nach erfolgter Konfrontation von selbst abgebrochen. Wer damals nicht für mich da war, der fehlt mir auch jetzt nicht.
Und dennoch, jedes Mal, wenn es passiert und sich diese Schwermut über mich legt, komme ich mir vor, als wäre ich in ein Schwimmbecken voll flüssigen Bleis gefallen. Voranzukommen, und sei es nur in Gedanken, ist nahezu unmöglich, man versinkt immer tiefer, wie in Treibsand, und am Ende gibt man jeden Widerstand auf, weil man gar keine Kraft mehr hat.

Und wenn es dann nach ein paar Tagen vorbei ist (im schlimmsten Fall nach zwei Wochen, ist auch schon vorgekommen), schäme ich mich in Grund und Boden, vor der Welt und vor mir selbst – weil doch letztlich gar nichts war, weswegen man so abgrundtief traurig hätte sein müssen. Und deswegen schleppe ich es meist mit mir selbst rum. Wer will denn auch schon jeden Monat die gleiche Leier hören? Es gibt ja auch Monate (meist im Sommer), da ist es bei weitem nicht so schlimm, und dann überrascht es mich jedes Mal wieder, wenn es mich – wie dieser Tage – so derart niederschmettert. Dann suche ich schon direkt nach dem Wachwerden, mit Tränen in den Augen, einen Grund um überhaupt aufzustehen. Manchmal habe ich Arbeit, dann kann ich es mir eh nicht aussuchen. Dann stehe ich auf, mache meinen Job, vielleicht nicht ganz so gut aufgelegt und wesentlich langsamer als sonst, aber ich mache ihn. Hab ihn heut auch gemacht, bevor ich angefangen habe, das hier zu schreiben.
Aber wenn ich während solcher Episoden nichts Konkretes zu tun habe (also keine Deadline oder berufliche Reise ins Haus steht), scheint es eine unüberwindbare Hürde zu sein, den Weg vom Bett zur Dusche zu finden. Denn man könnte ja meinen, der Appetit käme beim Essen, wenn man also erstmal geduscht hat, sähe die Welt ganz anders aus („Stell dich halt nicht so an!“). Tut sie aber nicht. Ich weine dann einfach weiter. Beim Aufstehen, beim Duschen, beim Kaffeemachen und beim Abwaschen auch. Solange bis nichts mehr kommt oder mir buchstäblich die Luft wegbleibt. Und dann fühle ich mich als wäre ich zehn Marathons gelaufen, die Heulerei raubt einem alle Kraft, und wenn ich dann schlafen gehe, heule ich doch wieder das Kissen nass.

Die Farben, für die ich so bekannt bin, im besten Fall verblassen sie nur, im schlimmsten mischen sie sich zur einer Melange aus Grau und Schwarz. Wie erkläre ich das? Wo ich es doch selbst nicht begreife?
Das Fatale ist unter anderem, dass ich mir in diesen Momenten, in denen ich mich so mutterseelenallein fühle, tatsächlich jemanden wünsche, der einfach da ist. Der nichts sagt und mir keine blöden Fragen stellt, mich auch nicht versucht aufzumuntern (weil das zwecklos ist), sondern einfach da ist. Mich in den Arm nimmt und sonst nichts tut. Dem ich das nicht erklären muss, und vor dem ich mich nicht rechtfertigen muss. Fatal ist das deswegen, weil ich mich eigentlich viel zu sehr schäme und viel zu stolz bin, als dass ich jemanden miterleben ließe, was das mit mir macht. Was sicher auch daran liegt, dass ich (sowohl bei ehemaligen Freunden, als auch bei potentiellen Partnern) die Erfahrung gemacht habe, dass sich die Leute einfach verpissen, wenn Lena mal nicht die bunte Urban Pippi Langstrumpf mit der Clownsnase ist, weil sie einen wirklich schlechten Tag hat. Der Teller hat einen Sprung, tu den mal weg. Sortier ihn aus, der taugt nichts mehr.

Natürlich habe ich an Psychopharmaka gedacht, aber wäre das nicht ein bisschen extrem? Es sind ja letztlich „nur“ ein paar Tage im Monat (die längsten Tage der Welt).

Vielleicht ist das hier nur eine Bitte an die Menschen in meinem Umfeld, die mich persönlich kennen, eine Bitte um Nachsicht und Geduld.
Ich mach das nicht mit Absicht, wirklich nicht. Ich brauch Euch. You know who you are.