Meine Wohnungstür fällt ins Schloss, und es klingt ein bisschen, wie der Arschtritt, den ich mir gerade selber gegeben habe, als die herbstlichen Sonnenstrahlen in mein Küchenfenster fielen und ich mir auf einmal die Sonnenbrille herwünschte. Sonnenbrille in der Wohnung?! Yeah, right! Raus mit Dir! ermahnte ich mich innerlich. Und die Wäsche? sagte mein inner Schweinehund. Du hast die Maschine grad erst angestellt, wenn Du wiederkommst, ist sie fertig und Du kannst sie aufhängen. Mein innerer Schweinehund knurrte angriffslustig, aber das Fräulein Vernunft in mir ist heute hellwach – und blitzgescheit: Du könntest Deinen neuen Rock anziehen… lockte sie den Schweinehund mit sanfter Stimme in seine Hütte zurück und sobald er drin war, schmiss sie die Tür zu, und ich sprang auf. Eingesperrt gefällt mir diese räudig-faule Töle am besten.
Ich ging in mein Schlafzimmer, machte den Kleiderschrank auf und griff mir – das Outfit schon vor meinem inneren Auge angezogen – die lila Strumpfhose (die eigentlich nicht lila, sondern blau-rot geringelt ist, was man aber von weitem nicht sieht), den weißen Mädchen-Ballett-Tutu-Rock mit den Glitzerpunkten (ja nee, Streifen & Punkte ist ein Fashion-No-No und damit ein Grund mehr für mich, das zu mischen), das weiße Fleece mit den Sternen drauf. Zog’s an, und dann noch die schwarzen Schuhe. Und ’ne Jacke.
Als ich rauskomme, merke ich, dass es draußen viel wärmer ist, als man denkt und dass ich die Sonnenbrille tatsächlich brauche – und oben vergessen habe. Also noch mal hoch, zwei Stufen auf einmal.
Die Musik auf meinem Ohr passt zur Sonne. Rechts raus aus der Haustür, Laub auf dem Bürgersteig, andere sonnenbebrillte Menschen, einige davon lächeln und ich lasse mich anstecken. Die Punkte auf meinem Rock glitzern um die Wette, die Funkelziffer ist hoch, hehe. Die Luft riecht nach Neukölln, der Columbiadamm ist allerdings fast komplett autoleer. Ich gehe bei Rot über die Ampel und bin zwei Minuten später in der Hasenheide angelangt, die noch ziemlich großflächig in goldenes Licht getaucht ist. Viele Grüppchen von Menschen, die auf der Wiese sitzen und ebenso wie ich, die letzten Strahlen der schon sehr tief stehenden Sonne erhaschen wollen. Ich laufe ein bisschen rum, ohne Ziel, immer das Gesicht in der Sonne, mit blinzelnden Augen hinter den dunklen Gläsern. Mit ist warm geworden, also ziehe ich die Jacke aus und benutze sie als Unterlage, als ich mich auf die Wiese setze. Ich linse über den Rand meiner Sonnenbrille und finde das Gras extrem grün heute. Grüner als sonst.
Und wie ich da so sitze, kommt mir ein Gedanke: wenn es doch so schön ist draußen, warum bist Du eigentlich soviel drin?
Ich kenne die Antwort, aber ich will sie mir nicht geben, denn sie macht mich traurig. Der Schweinehund benutzt sie gern: ich tu mich schwer, weil ich mich mit allem schwertue, was in Gesellschaft mehr Spaß macht. Kochen, draußen sein. Zwei Dinge, die mir sehr gut tun, und die ich dennoch viel zu selten tue, weil ich es einfach furchtbar traurig finde, für mich allein zu kochen oder allein spazieren zu gehen. Gleichzeitig finde ich, dass mir derartiges Selbstmitleid nicht steht und deswegen klappt es manchmal, wie heute, dass ich den Schweinehund zum Schweigen bringen kann.
Bis vor zwei, drei Jahren wollte und musste ich viel allein sein, hauptsächlich um zu verstehen, wer ich eigentlich bin, und um mir selbst zu beweisen, dass ich das kann. Alleine sein. War ich ja vorher nie. Und die Erkenntnis, dass ich es nicht nur kann, sondern sogar ziemlich gut darin bin, die war für mich und meinen Selbstwert verdammt wichtig.
Ich brauch niemanden, der mich an die Hand nimmt und mir die Welt erklärt.
Und gerade weil ich weiß, dass ich es kann und mir selbst durchaus genüge, wiegt die Einsamkeit vielleicht so schwer. Weil sie jetzt eigentlich nicht mehr nötig ist. Sie ist jetzt nur noch ein existierendes Übel, mit dem ich lebe. Jetzt wünsche ich mir sogar, dass mich mal jemand an die Hand nimmt, obwohl oder gerade weil ich es nicht brauche.
Ich wünsche mir oft, dass jemand da ist, der auf mich wartet, wenn ich nach Hause komme. Und dann frage ich mich: wünschst Du Dir das wirklich? Ja. Bist Du sicher? Nein. Bin ich nicht.
Willst Du einen Mitbewohner? Auf keinen Fall, no way. Glaub ich.
Was weiß denn ich?
Und der Schweinehund zerrt an seiner Kette und lästert: Du bleibst drin, damit Du das Glück der anderen draußen nicht sehen musst.
Und obwohl ich weiß, dass es Leute gibt, die mich beneiden (gerade um meine „Einsamkeit“), und dass es in erster Linie ich selbst bin, die mir im Weg steht, bin ich noch viel zu oft versucht, dem Schweineköter Recht zu geben und drin zu bleiben. Weil draußen, so scheint es, die Welt in Pärchen und Grüppchen existiert. Weil da draußen alle irgendwie glücklich sind. Was logisch ist, wenn alle traurigen Menschen drin bleiben. Und dann fällt mir der Satz von Kierkegaard ein: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“ Und ich würde ihn sofort unterschreiben. Mein Kopf weiß das alles, nur mein Herz rafft es nicht. Und das Herz ist fast immer Grund, bzw. Ursache von Traurigkeit. Und wenn Kopf und Herz sich anfangen zu streiten, sich aufs Übelste beleidigen und aufeinander rumhacken, ohne Lösung, dann habe ich dem wenig entgegenzusetzen.
Seit drei Wochen habe ich einen Schlichter hinzugezogen. Große, sonnengelbe Tabletten, Laif 900 heißen sie. Ein pflanzliches Anti-Depressivum, um mein übles PMS in Schach zu halten. Jeden Tag um 15h erinnert mich mein Smartphone an die Einnahme. Ich merke die Wirkung schon. Glaube ich zumindest. Ich habe innen so ein glattgebügeltes Gefühl, so als wäre alles nivelliert worden. Keine großartigen Ausschläge nach unten, aber eben auch keine nach oben. Irgendwie gleichgültig, aber auch rastlos. Ich finde es sehr seltsam, ich weiß noch nicht, ob mir das Gefühl gefällt (ich glaube nicht), aber ich werde die Tabletten erstmal weiternehmen.
Und ich werde auch morgen wieder rausgehen, auf die Straße und aus mir selbst.

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