Oslo, am 24. Dezember 1952

Norun hatte sich gerade ein Stückchen Pfefferkuchen in den Mund gesteckt, als sie die Türklingel hörte. Sie saß im schummrig beleuchteten Wohnzimmer, sie hatten gerade Abendbrot gegessen. Ihre Mutter, die in der Küche hantierte, hob den Kopf. Ihr Vater legte seine Pfeife ab, faltete die „Aftenposten“ zusammen und erhob sich schwerfällig aus seinem Sessel. Er ging in den Flur und öffnete die Tür.

Schlagartig wurde es laut. Ihre Tante Rosa, Vaters Schwester, stand vor der Tür. „God Jul allesammen!“ krähte sie in die Wohnung hinein, sichtlich angeschickert. Norun wollte erst aufspringen und ihre Tante begrüßen, die sie eigentlich sehr mochte, aber ein Blick in das Gesicht ihrer Mutter ließ sie verharren. Ihr Blick war wie versteinert. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in Norun aus. Sie wusste, was jetzt kam.

Rosa zog eine Flasche Linie Aquavit aus ihrer großen Lederhandtasche. Ohne diese Tasche verließ ihre Tante nie das Haus, Norun kannte sie ohne überhaupt nicht. Sie sah ihre Mutter an, die den Blick gesenkt hatte und sich nun wieder dem Geschirrabtrocknen widmete. Norun stand auf, ging in die Küche, nahm sich ein Geschirrhandtuch und stellte sich neben ihre Mutter. „Damit wir schneller fertig sind.“

Ihr Vater nahm keine Notiz von den beiden in der Küche. Er scherzte mit seiner angetrunkenen Schwester. „Na, dann wollen wir mal sehen, ob ich bald auf Deinen Pegel komme!“ lachte er, während er die Flasche aufschraubte und sich einen einschenkte. „Magnhild, willst Du auch?“ rief er in die Küche. Ihre Mutter hob den Blick, antwortete aber nicht.
Einen Moment später stand der Vater auf einmal in der Küche. „Ich hab Dich was gefragt!“ sagte er laut. Er war ein großer stattlicher Mann, und wenn er laut wurde, wurden alle anderen still.
„Nein danke Einar“, sagte Magnhild leise aber mit fester Stimme. „Ich möchte keinen Aquavit.“
„Von mir aus. Dann ist mehr für uns da, nicht wahr, Schwesterchen?“

Rosa hatte es sich in der Zwischenzeit auf dem Sofa bequem gemacht, sich ein Schnapsglas aus der Vitrine geholt und es randvoll gegossen. In weiser Voraussicht, da die Hälfte des Glasinhalts auf dem gehäkelten Tischdeckchen landete. Geschuldet war dieser Verlust ihrem bereits äußerst angetrunkenen Zustand. Einar ließ sich in seinen Sessel fallen. Er füllte sein Glas nach, das er wenige Sekunden zuvor in einem Zug geleert hatte. Er prostete seiner Schwester zu und exte auch das zweite Glas.

In der Küche stellte Magnhild gerade die letzten sauberen Teller in den Schrank zurück, Norun hing die Geschirrhandtücher auf. Sie mochte es nicht, wenn ihre Mutter, eigentlich eine gesellige und fröhliche Frau, so still wurde. Weihnachten war für Norun immer ein seltsam trauriges Fest der Stille.
Magnhild schloss den Geschirrschrank, setzte ein Lächeln auf und drehte sich um zu ihrer Tochter. „Komm, wir besuchen Oma und Opa!“ Norun lächelte, nicht, weil sie sich freute, sondern ihrer Mutter zuliebe.
Sie nahm ihren Mantel vom Haken im Flur, band sich den Schal um und zog sich die Handschuhe an. Sie reichte ihrer Mutter die Mütze und setzte ihre eigene auf. Sie sprachen nicht und konnten deswegen die Unterhaltung ihres Vaters mit seiner Schwester hören. „Wenn Vater uns sehen könnte!“ Rosa entgegnete etwas Unverständliches und man hörte kurz darauf das Klink des erneuten Anstoßens und Rosas betrunkenes Gekicher. „Keine Sorge, Schwesterlein, ich hab noch eine Flasche im Keller!“

Norun sah ihre Mutter an, der Angst und ein bisschen Ekel ins Gesicht geschrieben standen. Das aufgesetzte Lächeln war aus ihrem müden Gesicht verschwunden. Sie holte tief Luft und sagte: „Komm, Mäusjen, wir gehen.“

Sie verließen lautlos die Wohnung und traten in den Hausflur.
Draußen war es bitterkalt und es schneite. Die Gaslaternen tauchten den Abend in ein dunkel-oranges Licht, der Schnee schluckte jegliches Geräusch.
Eine Weile gingen Mutter und Tochter schweigend nebeneinander her.

„Mama?“ fragte Norun und brach das Schweigen.
„Was ist, mein Kind?“
„Warum, glaubst Du, ist Papa so traurig?“
Magnhild blieb abrupt stehen. Sie sah ihrer Tochter ins Gesicht, sah den fragenden Blick, das ehrliche Interesse, die aufrichtige Sorge. Sie nestelte an Noruns Mütze herum, suchte nach den richtigen Worten. Sie nahm das Gesicht ihrer Tochter in die Hände. „Dein Vater hat schlimmes erlebt im Krieg“ begann sie. „Schlimme Dinge, die man nicht vergisst. Die einen traurig machen.“
„Aber wenn er getrunken hat, lacht er manchmal“ überlegte Norun laut.
Sie sah in das Gesicht ihrer Mutter. „Vielleicht ist es besser für ihn, wenn er trinkt.“

Magnhild wusste nicht, was sie dem entgegensetzen sollte. Wie erklärt man seiner achtjährigen Tochter, dass er zwar manchmal lacht, aber eben manchmal auch die Hand gegen sie erhob? Sie war extrem kreativ, wenn es darum ging, Norun vor solchen… „Informationen“ zu schützen. Mit Hilfe von Nachbarn und Freunden hatte sie es bisher immer noch geschafft, ihre Tochter nicht alles wissen zu lassen. Denn schließlich, was konnte das Kind dafür?

Sie setzten sich wieder in Bewegung und kamen nach zwanzig Minuten bei den Großeltern an.
Es war warm und gemütlich in der Stube, Kerzen brannten und es stand Essen auf dem Tisch.
„Da seid Ihr ja endlich!“ begrüßte sie die Oma. „Rosa hat sich mal wieder mit ihrem Vater gestritten und ist wütend abgehauen.“
„Ich weiß“, entgegnete Magnhild.
„Ach, ist sie bei Euch?“ Oma senkte den Blick und strich eine nicht vorhandene Tischdecke glatt. „Na, dann wissen wir wenigstens, wo sie ist.“

Norun hatte Hunger, trotzdem sie gerade erst Abendbrot gehabt hatte. Sie griff zu und aß, als gäbe es kein Morgen. Fast hätte sie keinen Platz für den Nachtisch gelassen, dabei waren „Tilslørte Bondepiker“ ihr absolutes Lieblingsdessert. Ihre Oma richtete ihr eine extragroße Portion auf dem Tellerchen an und Norun lächelte glücklich über das ganze Gesicht. „Der erste Bissen ist immer der Beste!“ sagte sie zu ihrer Mutter, schloss die Augen und schob sich die Gabel in den Mund. Magnhild sah ihre Tochter lange an und wünschte sich, dass dieser glückliche Moment niemals vergehen möge.

Drei Stunden später, es war kurz vor MItternacht, machten sie sich auf den Weg zurück. Es hatte aufgehört zu schneien und war noch ein paar Grad kälter geworden. Norun beobachtete ihren Atem, der in der eiskalten Luft wie Rauch aussah. „Kuck, ich rauche ohne Zigarette!“ erzählte sie ihrer Mutter, bei der sie sich untergehakt hatte. Magnhild war gerührt ob solch kindlicher Unschuld. Sie nahm den Stoffbeutel mit den drei Geschenken für Norun, den ihr die Schwiegermutter vor dem Gehen in die Hand gedrückt hatte („Das Kind kann doch nichts dafür, hier, das macht ihr sicher Freude!“) nahm ihn von der linken und hängte ihn über die rechte Schulter. „Glaub mir, ohne Zigarette rauchen, das kann nicht jeder!“
Sie lachten und stapften durch den tiefen Schnee.

Als sie vor ihrem Haus ankamen, fuhr dort gerade ein Taxi vor und hielt. Und als Magnhild nach ihrem Hausschlüssel kramte, ging die Haustür auf und Rosa erschien, mühsam die Balance haltend.

„Ach… hallo!“ lallte sie. „Da seid Ihr ja wieder!“ Sie musste aufstoßen und hielt sich die Hand vor den Mund. „Norun…“ fing sie an. „Wie groß Du geworden bist! Komm doch mal zur Tante!“ Sie versuchte, ihre Nichte zu umarmen. Norun wand sich aus der Umarmung, ihr wurde übel von der Alkoholfahne. Sie verschwand im Hauseingang. Sie sah, wie ihre Mutter Rosa zum wartenden Taxi begleitete. Das Licht im Hausflur ging aus, und sie fand nicht sofort den Lichtschalter.
Dann sah sie durch das Glas in der Haustür, wie ihre Mutter wieder nach dem Schlüssel suchte, sprang die zwei Treppenstufen hinunter und machte ihr von innen auf.

Die Stufen in den dritten Stock schwiegen sie. Sie schwiegen auch, als sie die Wohnung betraten. Es roch nach kaltem Pfeifentabak. Norun wickelte sich aus ihrem Schal, setzte die Mütze ab. Ihr Blick fiel ins Wohnzimmer, ihr Vater lag schnarchend auf dem Sofa. Auf dem Tisch die zwei Schnapsgläser, eins davon umgekippt. Auf dem Boden liegend eine leere und eine angebrochene Aquavit-Flasche. Morgen würde er wieder ungenießbar sein, wusste Norun.

Ihre Mutter, unendlich müde, bedachte ihre Tochter mit einem langen, liebevollen, doch traurigen Blick.
„Putz Dir die Zähne und geh schlafen, es ist spät.“
Sie strich ihrem Kind die Haare aus dem Gesicht und versuchte zu lächeln.
Norun nickte und verschwand im Bad.
Magnhild legte die Geschenke aus dem Stoffbeutel auf Noruns Bett, sie waren hübsch verpackt, mit schönem Geschenkband und gänzenden Schleifchen.
Dann ging sie ins Wohnzimmer und beseitigte die Spuren des brüderlich-schwesterlichen Besäufnisses, mit Ausnahme des besagten Bruders, den sie liegen ließ.
Im Flur traf sie ihre Tochter, die gerade aus dem Bad kam.
„God natta, Mama, ich hab Dich lieb.“ Sie herzten einander und Norun verschwand in ihrem Zimmer.

Sie setzte sich auf ihr Bett und packte allein ihre Geschenke aus.

Anmerkung der Autorin: diese Geschichte ist im Kern wahr. Sie ist die Weihnachtsgeschichte meiner Mutter. Da ich meine Großeltern nie kennengelernt habe (früh verstorben), musste ich mir einiges dazudenken. Von meiner Mutter kenne ich lediglich die Eckdaten der Geschichte. Also, das mit der Tante, die zum Saufen kam, und dass meine Mutter mit ihrer Mutter bei den Schwiegereltern Zuflucht suchte und am Ende des Abends ihre Geschenke allein auspackte.
Das ist alles so gewesen. Meine Mutter hat mir die Geschichte erst gestern erzählt und da sie mich nicht losließ, musste ich sie aufschreiben.

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