Januar 2009

Er hieß Alejandro, war Argentinier, und wir hatten uns gerade auf der monatlichen Latino-Party im Kreuzberger Edelweiß kennengelernt (übrigens, liebe Edelweiß-Betreiber, das Doppel-S im Namen sieht nicht nur scheiße aus, sondern ist auch noch falsch). Er war frisch aus Madrid nach Berlin gezogen, ich war frisch getrennt. Definiere „frisch“: sieben Monate waren vergangen, nachdem meine elfjährige Beziehung sechs Wochen vor der geplanten Hochzeit zerbrochen war, es fühlte sich „frisch“ an. (Anmerkung der Autorin: aus heutiger Sicht fühlt es sich super an und war das Beste, was mir passieren konnte…)

Alejandro und ich hatten uns bereits einmal getroffen, nachdem wir uns auf besagter Party wiederholt über den Weg gelaufen waren. Das erste Mal war nun nicht der crasse Oberknaller, der einen ausgelaugt und doch mehr wollend, schwer atmend in den Laken zurücklässt. Aber das sind erste Male sowieso selten. Zwei, vielleicht dreimal habe ich das erlebt, dass der Sex auf Anhieb unglaublich gut war. Aber Alejandro und ich, doch, das war von der Chemie her auf jeden Fall vielversprechend.

Ich muss an dieser Stelle einräumen, dass ich leicht genervt war, ob seiner Arbeitszeiten; Alejandro war (ist? keine Ahnung) Journalist bei der Deutschen Welle, und musste da manchmal bis drei Uhr früh arbeiten. Was genau er da machte, müsst Ihr ihn schon selber fragen, kann Euch die Nummer geben, ganz soweit ging mein Interesse an ihm nicht. Ja, ich hab seine Nummer noch. Ich behalte alle Nummern. Und sei es auch nur, damit ich im Zweifelsfall weiß, wann ich lieber nicht ans Telefon gehe. Ich verstehe Frauen nicht, die Nummern löschen. Damit sie die im besoffenen Kopp nicht wählen? Also, da hab ich mehr Selbstbeherrschung.

Alejandro und ich hatten uns bezüglich des zweiten Dates (bzw. der zweiten Vögelei) für einen Freitag Abend verabredet. Er sagte, er hätte um Mitternacht Feierabend. Okay, ist ja Freitag, dachte ich, passt schon.

Um drei klingelte er mich aus dem Schlaf. Die Tür unten wäre abgeschlossen, ob ich runterkommen und ihm aufmachen könnte (bevor jetzt jemand fragt, nein, es gibt keine Klingelanlage draußen). „En serio?!“ fragte ich, dann übermannte mich meine Geilheit und der Gedanke „Der ist jetzt extra nach Neukölln hergekommen, aus Mitte!“ machte mir ein schlechtes Gewissen. „Dame un minuto!“ flötete ich und zog mir schnell was über.

Er fiel schon im Hausflur über mich her, ich hatte Mühe, ihn daran zu hindern, mir die Joggingbuxe zwischen Briefkästen und Kellertür runterzuziehen. Er säuselte mir unanständige Dinge ins Ohr. Auf Spanisch. Auf argentinischem Spanisch. Zur Veranschaulichung: in Argentinien sprechen sie Spanisch, kein Zweifel, allerdings mit „italienischer“ Melodie. Das lässt sich so rein verbal schwer darstellen. Es klingt superschön. Sie lügen einem das Blaue vom Himmel runter, aber sie tun das äußerst charmant. Also, die Argentinier. Die, die ich getroffen habe.

Wir fackelten nicht lang, es war ja schon spät, und es ging ziemlich rund. Im durchaus positiven Sinn. Das ist der Vorteil, wenn klar ist, dass es ausschließlich um Sex geht.

Wie gesagt, abgesehen von einem klassischen ONS im vorangegangenen Sommer, war Alejandro (der eigentlich anders heißt, wobei mir seine Privatsphäre scheißegal ist, ich kann mich einfach nicht mehr an seinen Namen erinnern) der erste Typ, den ich im Bett hatte, und es machte Spaß. Alles andere war erstmal egal. „Beziehung“ hatte ich eh nicht auf dem Schirm, nach elf Jahren letzterer.

Alejandro war ziemlich kinky drauf. Ich war das auch und war trotzdem etwas befremdet, als er mittendrin aufhörte – ohne dabei allerdings… das Gebäude zu verlassen, wenn Ihr versteht, was ich meine – und den Joint weiterrauchte, den er eine halbe Stunde vorher angesteckt hatte. Also, ich kenn das ja, dass man kurz innehält und keuchend einen Schluck aus der Wasserflasche nimmt, aber den GV zu unterbrechen, um an der Sportzigarette zu ziehen, das war mir neu. Er war immerhin so nett, mich auch mal ziehen zu lassen, und als aufgeschlossener Mensch spielte ich mit.

Irgendwann waren wir dann fertig und lagen da befriedigt und etwas unverwandt nebeneinander. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, verehrte Leser, aber ich unterhalte mich hinterher manchmal ganz gerne. Oder ich schlafe ein. Das klassische „hinterher noch Kuscheln“ mache ich nur mit Männern, in die ich verliebt bin. Also unterhielten wir uns. Alejandro erzählte mir von seinem Job und von seiner Exfreundin, die vor einem halben Jahr sein Herz gebrochen hatte. Wegen ihr war er aus Madrid weggezogen. Weder seine Vergangenheit, noch sein Job interessierten mich wirklich, also hörte ich nur mit halbem Ohr zu.

Ich horchte erst wieder auf, als er mich fragte: „Würdest Du mich Deinen Freundinnen empfehlen?“

Ich wusste zunächst nicht, worauf er hinauswollte, er machte schließlich einen patenten, aufgeweckten und einigermaßen selbstbewussten Eindruck, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass er tatsächlich seine horizontale Performance bewertet haben wollte, also fragte ich nach. „Was meinst Du?“
„Na, wenn Du mit Deinen Mädels über mich sprichst, erzählst Du denen, dass ich gut im Bett bin?“
„Wie kommst Du darauf, dass ich mit meinen Freundinnen über Dich spreche?“ fragte ich ihn; immerhin hatten wir uns erst das zweite Mal getroffen und erzählt hatte ich davon nur meiner Schwester, was nicht zählt, da ich der ja alles erzähle (manchmal mehr, als sie nach eigener Aussage wissen will, haha, sorry, Maus!).

Er kuckte mich ein bisschen entrüstet an, also griff ich ob des lieben Friedens willen zu einer Notlüge: „Wenn ich denen von Dir erzähle, tu ich mir doch keinen Gefallen, am Ende hast Du keine Zeit mehr für mich, weil alle mit Dir ins Bett wollen!“ Als ob, setzte ich in Gedanken dazu.

Er fand sich damit ab. Nach einer kurzen Pause, während der er einen weiteren Joint drehte, eröffnete er mir: „Ich hab Pulpo von Dir erzählt und Dich weiterempfohlen.“ (Bevor ich jetzt hier meiner Empörung Ausdruck verleihe: Pulpo war ein Kollege des besagten DJ-Kollektivs. Auch er heißt in Wirklichkeit anders, trug diesen Spitznamen (pulpo = Oktopus) allerdings zurecht, er begrabbelte und begattete alles, was nicht bei drei auf dem Baum war und hat drei Töchter mit drei verschiedenen Frauen.)

„Cómo?!“ entfuhr es mir.
Alejandro kuckte verdattert aus der Wäsche.
„Na, ich hab ihm geraten, mal mit Dir zu schlafen!“
Als wäre es das normalste von der Welt.
„Ist das Dein Ernst?“ hakte ich nach. Er zuckte mit den Schultern. „Ja, klar!“

Ich sah bedeutungsschwanger auf meine nicht vorhandene Armbanduhr, draußen war es noch zappenduster.
Alejandro zog die Augenbrauen nach oben, war sich keiner Schuld bewusst.
„Hast Du Hunger?“ fragte er. „Ich hab Hunger.“ Was das mit der Uhrzeit zutun hatte, keine Ahnung.

Ich hielt ihm meinen nackten Arm ohne Armbanduhr hin. „Kuck mal!“ sagte ich. „Zeit, zu gehen!“
„Pero por qué?!“ entrüstete er sich. Ich ignorierte die Frage und stand auf.
„Pass auf“, sagte ich, „ich geh jetzt pissen, und wenn ich wiederkomme, bist Du angezogen, alles klar?“
Ich drehte mich um und verließ das Schlafzimmer. Ich ging ins Bad wie angekündigt, hörte noch, wie er mir irgendwas hinterher rief, es klang ein bisschen wie „Isch ‚abe gar kain Auto!“

Ich pinkelte in Ruhe zuende, wusch mir die Hände, zog meinen Superman-Frotteemantel (H&M-Kinderabteilung für Jungs) an und ging zurück ins Schlafzimmer, wo er gerade dabei war, wieder einen Joint zu bauen. Normal habe ich ja Verständnis für sowas, und auch die nötige Geduld (weil ich dann definitiv mitrauchen werde), aber dieses Mal nicht. Ich begann, seine Klamotten aufzusammeln. Ich nahm die Hose und die Unterbuxe, die Socken, das Hemd und seinen Schal und stopfte alles in eine Plastiktüte, die leer im Schlafzimmer rumlag. Schuhe und Jacke waren im Flur. Er war so vertieft in seine Joint-Bauarbeiten, dass er das alles kaum mitbekam. Eine Steilvorlage für meinen Angriff.

Er saß noch splitterfasernackt in meinem Bett, halb unter die Decke gekuschelt und bereitete in aller Seelenruhe den Joint vor. Ich ging zum Fenster und machte es auf. Draußen waren es minus acht Grad. Er protestierte vehement.

Ich sagte kein Wort, nahm die Decke und zog sie ihm mit Schmackes weg, die Gras-Tabak-Mischung nebst Blättchen und allem anderen im Raum, hauptsächlich jedoch im Bett, verteilend. Mir scheißegal. Nach der Nummer wechsel ich eh das Laken. Er schimpfte, aber ohne Decke blieb ihm nichts anderes übrig, als die Klamotten aus der Tüte zu fischen, die ich ihm an die Birne geballert hatte. Er schaffte es gerade so, sich die Unterbuxe und das Hemd anzuziehen, bevor ich ihn mit einer eindeutigen Geste zum Gehen aufforderte.

„Largate!“ zischte ich, scheuchte ihn aus dem Zimmer, machte die Wohnungstür auf und schmiss Jacke und Schuhe in den Hausflur. Er beschwerte sich unentwegt, aber ich erinnere mich an nichts. White Noise.

Als er mit der Klamottentüte in der Hand seiner Oberbekleidung in den eiskalten Hausflur hinterherlief, ließ ich die Wohnungstür genüsslich, aber elegant leise ins Schloss fallen und schloss deutlich hörbar zweimal ab.

„Eh!“ hörte ich ihn von draußen. „Un café?“
„Una mierda!“ entgegnete ich und habe ihn nie wieder gesehen.

 

Join the conversation! 3 Comments

  1. kuscheln vs. unterhalten – sehr treffend beschrieben 😊

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  2. Krasse (und so gute) Geschichte. Don’t call my Name Alejandro.

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