20. Dezember 2016

Und jetzt?

Montag, 19. Dezember 2016, es ist 21:07, als mich das Bing meines Telefons fast zu Tode erschreckt.

whatsapp von Mary, einen Tweet der Tagesschau soll ich mir ankucken. Hä? Ich sehe im Sekundenbruchteil vor dem Klicken irgendwas von „Anschlag“ und „Berliner Weihnachtsmarkt“. Bitte, was?

Der Tweet gibt ein ganz klein wenig Aufschluss, aber nicht wirklich viel Info. Ein Lkw sei in die Menschenmenge auf dem Breitscheidplatz gerast, sagt man. Unweigerlich denke ich an Nizza. Das erste was ich tue, ist eine SMS an meinen Freund zu schreiben. Bin mir zwar ziemlich sicher, dass der unversehrt in seiner Bude in Neukölln hockt, aber wer weiß das schon? Er antwortet sofort, weiß allerdings nicht, wovon ich rede. Ich erkläre es ihm, er kann es nicht glauben. Ich bin fast ein bisschen froh, gerade nicht in Berlin, sondern in Sindelfingen zu sein.

Bevor ich facebook öffne, ergoogele ich die Situation. Von neun (!!!) Toten ist direkt zu Anfang die Rede, mehrere Verletzte.

Auf facebook kann man sich als „sicher“ markieren. Das ist schön, etwas befremdlich allerdings, dass sie den Vorfall „The Attack“ nennen, kaum eine Stunde, nachdem es passiert ist. Ich markiere mich trotzdem als sicher, in erster Linie für die Übersee-Freunde, poste dann aber auch „War es wirklich ein Anschlag?“. Ich sehe andere Posts, die ebenfalls vor Panikmache warnen. Mein Freund schickt mir den Link zu dem Handyvideo von diesem Morgenpost-Mann und ich wundere mich sehr über die Ruhe, mit der er dieses Video gemacht zu haben scheint, freue mich fast ein bisschen, als ihm jemand das Handy aus der Hand schlägt.

Ich überlege, was wohl als Nächstes passiert. Wenn es wirklich ein Anschlag war, dürften sich jetzt eine Menge besorgter Bürger wieder berufen fühlen, gegen Moslems Stimmung zu machen.

Ich dagegen frage mich, hat es vielleicht etwas damit zu tun, dass Merkel letzte Woche laut und öffentlich überlegt hat, in Deutschland ein Burka-Verbot durchzusetzen?

Frankreich hat in den letzten zwei Jahre diesbezüglich ziemlich auf die Fresse bekommen, und ich kann nur vermuten, da ich nicht genug darüber weiß, dass es mit der französischen Politik im Hinblick auf Einwanderung und Integration (Stichwort: Ghettoisierung) zu tun hat. In Deutschland habe ich mich bisher vor allem deswegen sicher gefühlt, da hier Religionsfreiheit herrscht und Moslems im Großen und Ganzen ihre Religion so ausleben können, wie sie es für richtig halten. Achtung, Achtung, liebe Erbsenzähler, ich heiße Zwangshochzeiten und die Misshandlung von Frauen, so sie denn im islamischen (und in jedem anderen) Kontext stattfinden (Ehrenmord und dergleicher Scheiß) in keinem Fall gut, kann aber gegen die Moslems, die ich erlebe bei mir in Neukölln (und das sind nicht eben wenige) absolut nichts hervorbringen. Die sitzen nicht hinterm Steuer des Lkws, ob nun in Nizza oder auf dem Breitscheidplatz, die finden das mit Sicherheit genauso furchtbar, wie alle, die wir ein Herz haben.

12 Tote, 48 Verletzte, 18 davon schwer, das sind die jüngsten, grausamen Zahlen.

Und jetzt?

Jetzt kommt es darauf an, dass wir menschlich bleiben – besorgte Bürger, die jetzt rumbrüllen, „sie hätten es ja gewusst!“ gibt es genug, davon brauchen wir keine mehr, deren Gebrüll hat niemandem etwas gebracht – außer vielleicht der AfD zuviele Stimmen.

Original, unbearbeitetes Beitragsfoto

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorie

Allgemein, carpe vitem, much needed

Schlagwörter

, , , , ,