Endlich. Endlich!!! sitze ich auf meinem Platz. Gefühlte tausend Stunden habe ich gebraucht, mit Gitarre, Koffer und Rucksack den Waggon zu durchqueren, um mich endlich hinzusetzen. Ich hab eh schon schlechte Laune.

Der Kampf zum Sitzplatz hin hat mich ins Schwitzen gebracht. Also ziehe ich erstmal mein Shirt aus. Zum Vorschein kommt mein gepunktetes, ärmelloses Unterhemd. Wow. Ist das warm hier!

Der Typ schräg gegenüber (Viererplatz mit Tisch), seines Zeichens vermutlich der Erfinder des verkniffenen Gesichtsausdrucks, starrt mir in den Ausschnitt. Er merkt, dass ich es gemerkt habe und kuckt schnell aus dem Fenster. Ich hole mein Handy raus und tippe eine Nachricht an Sophie: „Hab einen hässlichen alten Sack im Zug gerade dabei erwischt, wie er mir auf die Titten geglotzt hat. Bin grad erst los. Wird ’ne lustige Fahrt.“

Einen Moment später ertönt von irgendwoher schlimme Schlagermusik und ich muss arg an mich halten, nicht laut zu lachen, als die Dame gegenüber von mir (neben dem Tittenglotzer) ihr Handy rauskramt (der neueste Hit von irgendeinem Schlagerwunder als Klingelton, das ist mal richtig hart, meine Lieben) und den Anruf entgegennimmt. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich glaube, der Tittenglotzer hat Schaum vorm Mund.

Dann fragt mich Sophie per whatsapp, was für ein Hotel das ist und wann es morgen früh los geht. Da ich keinen Bock habe, soviel zu tippen, schicke ich ihr eine Sprachnachricht. 10 Sekunden.

Scheinbar 10 Sekunden zuviel, denn kaum bin ich fertig, dreht sich die Dame neben mir, die bisher noch gar nicht unangenehm in Erscheinung getreten ist, aber zu dem Tittenglotzer zu gehören scheint, um und blafft mich komplett ohne Vorwarnung an:

„Es reicht! Hier ist Ruhebereich!“ Ich atme ein. Und wieder aus.

„Das waren 10 Sekunden, Entschuldigung.“

Jetzt muss der Tittenglotzer doch auch noch mal männlich-ritterlich einschreiten: „Ständig diese Telefoniererei! Eben schon!“ mit Blick auf die Mitreisende neben ihm. Die checkt es genauso wenig wie ich.

„Hier ist Ruhebereich!“ sagt er nochmals mit Nachdruck.
„Alles klar!“ rufe ich so laut es geht. „Ruhebereich!“

Während ich mich in meinem Kopf noch kaputtlache, erwische ich ihn wieder dabei, wie sein Blick von seinem iPad wegschweift und schon wieder an meinem Ausschnitt hängenbleibt. Er merkt, dass ich ihn erwischt hab und kuckt weg. Natürlich.

Ich beschließe, die beiden, ihn vor allem, ein bisschen zu ärgern und mich so laut und aufdringlich zu benehmen, wie es im Ruhebereich gerade noch so geht.

Er fühlt sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Jedes Mal, wenn ich mein Handy raushole, bilden sich Schweißperlen auf seiner Stirn. Ich könnte ja damit telefonieren. Dass ich nur tippe, scheint ihn nicht zu beruhigen.

Ich habe einen extra großen Bubblegum im Mund. Ich mache mehrere riesige Blasen und sehe den panischen Gesichtsausdruck meines Gegenüber. Ich lasse die Blasen nicht zerplatzen, sondern sauge ihnen lautlos die Luft aus, während ich ihn mit desinteressiertem Blick anstarre. Immer wieder.

Dann hole ich laut (!!!) und umständlich mein Hummus aus dem Rucksack. Es liegt ganz oben, ich krame aber bis ganz nach unten. Um sicher zu gehen, Ihr versteht. Gleichzeitig mache ich nach wie vor kleinere Kaugummiblasen ohne zu knallen (wenn ich was kann, dann Blasen, jawohl, in JEDER Hinsicht, bitch please). Dann krame ich noch weiter unten im Rucksack nach den Crackern, die ebenfalls ganz oben liegen, neben dem Hummus und breite alles auf meiner Tischhälfte aus. Ich ärgere mich, dass ich keinen Edding dabei habe, um eine Grenzlinie auf dem Tisch zu ziehen, da würde er sich aber ärgern, soweit hat er nämlich nicht gedacht, der kleine Scheißer.

Ich drehe die basslastige Musik (Kopfhörer natürlich, ist ja RUHEBEREICH!) auf und freue mich auf den Drop.

Nun öffne ich die Cracker und raschele mit der Tüte, was das Zeug hält. Versteht sich von selbst, dass ich extralaut und mit offenem Mund Kaugummi kaue.

Natürlich habe ich auch extralaut Cracker gekaut und besonders viel gekrümelt.

I dare you, denke ich, I fucking DARE you to say something about my chewing…
Jetzt die Wasserflasche.

Ich brauch eh immer ewig, weil ich wegen der Kohlensäure den Verschluss nur ganz langsam aufmache.

Heute also noch langsamer.

Zisch.
Zudrehen.
Ziiisch.
Zudrehen.
Zizisch.
Zudrehen.
Ziziiiiiisch.
Zudrehen.

Das mache ich geschlagene zwei Minuten.

„Will Sie schließlich nicht vollspritzen mit meinem Wasser!“ sage ich laut und fröhlich.

Noch fünfzehn Minuten bis Wolfsburg. Ich bin so unangenehm „laut“, wie man es leise nur sein kann. Ich huste wesentlich öfter als nötig, raschele mit allem was sich rascheln lässt, atme so laut ich kann (gar nicht so einfach, im Übrigen), stoße aus Versehen (natürlich) mit dem Fuß gegen das Tischbein, lese meine whatsapp-Nachrichten von Sophie und lache (laut, ja, klar).

Als ich ans Aussteigen denke, räume ich selbstverständlich vorher auf und bin dabei unvorsichtig und umständlich (aber leise, hehe).

Beim Gehen sage ich laut zu ihr: „Ich entschuldige mich ausdrücklich für meine Existenz!“ und lächele sie fröhlich an.

Zu ihm sage ich: „Wenn Sie demänchst Ihrer Frau in den Ausschnitt glotzen, anstatt mir, dann ist sie vielleicht auch nicht mehr so garstig zu fremden Leuten!“

Und dann, in die entstandene entsetzte Pause, „Eine angenehme Weiterreise wünsche ich!“

Irgendwo hinter ihnen lacht sich ein Mitreisender mit mehr Humor ins Fäustchen.

 

Join the conversation! 2 Comments

  1. […] ➔ Eine Zugfahrt, die ist lustig… […]

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  2. Gute Story.
    Sollte man selbst mal ausprobieren.

    Gefällt 1 Person

    Antwort

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Alberne Kackscheiße, carpe vitem, kannste Dir nich ausdenken

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