Noch nie habe ich mir eine Papiertüte zum Hineinatmen gewünscht, aber gerade jetzt täte sie mir gut.

Es brodelt in mir, heiß und rot, Adrenalin beschleunigt meinen Herzschlag, und obwohl ich keinen Spiegel am Schreibtisch habe weiß ich, dass ich vor Wut rot angelaufen bin.

Warum?

Facebook. Mal wieder, haha, obwohl diesmal nicht Facebook selbst, sondern ein paar seiner Nutzer verantwortlich für meinen Ärger sind.

Folgendes trug sich zu:
Eine Bekannte hatte am Vorabend ihre erste, sehr unangenehme Begegnung mit einem Nazi. In der U-Bahn. Woher sie wusste, dass er Nazi ist? Der Typ war am Telefonieren und beendete das Gespräch mit den Worten „Sieg Heil!“. Kurz darauf ist er wohl ausgestiegen. Meine Bekannte, die nach eigenen Worte noch nie vorher einen Nazi live und in Farbe erlebt hatte, war völlig perplex. Verständlich. Ich erinnerte mich an meine erste Begegnung, ich glaube, ich war damals 18 oder so, die mich auch derart schockiert hatte, dass ich nichts sagte. Vielleicht war das meinem jungen Alter geschuldet, ich weiß es nicht. Ich weiß nur noch, wie schlecht ich geschlafen habe in der Nacht danach, weil mir das schlechte Gewissen über mein Schweigen den Schlaf raubte. Ich schwor mir, Das passiert dir nie wieder.

Meine Bekannte ließ diese Begegnung nicht los; in ihrem Post bat sie um die Meinung ihres Facebook-Kosmos, wie andere sich verhalten hätten/wie man sich hätte verhalten sollen. Legitim. Absolut erschreckend waren dagegen die Reaktionen ihres Kosmos. (Ich möchte darauf hinweisen, dass ich meiner Bekannten keinerlei Vorwurf mache. Ihre perplexe Reaktion war nur menschlich und es war wahrscheinlich viel zu schnell vorbei. Wie sprachlos man sein kann, ich erinnere mich zu gut daran…)

Bis jetzt haben sich circa dreizehn Personen einschließlich mir selbst an der Diskussion beteiligt, eine war sich sehr unsicher (hat zwei Kinder), ich war der Meinung „Auf jeden Fall Maul aufmachen!“ und elf Leute (!!!) sagten „Nee nee, alles richtig gemacht, lieber halte ich meinen Mund, als dass ich auf die Fresse kriege.“

Euer FUCKING Ernst?!

Obacht, ich sage nicht, dass man absichtlich die Gefahr suchen sollte. Wer zum Beispiel Kinder (oder anders wehrlose Menschen) dabei hat, ist besser beraten, sich solchen Situationen nach Möglichkeit zu entziehen. Aber wer erwachsen und körperlich gesund ist, sowie mit Herz und Verstand gesegnet, der hat gefälligst seinen Mund aufzumachen, wenn er mitbekommt, dass unverfroren so eine Scheiße verbreitet wird. Vor allem, wenn da noch andere dabei sind, wie in einer vollen U-Bahn. Werde laut, stelle das Arschloch bloß.

Diese Bequemlichkeit, echt! Gerade heute, wo Arschlochtum offenkundig salonfähig geworden ist und man es allem Anschein nach weit bringen kann (siehe Trump, Putin und dergleichen), ist das Allerletzte! Aus Angst vor einer blutigen Nase oder generellen Scherereien, man könnte Armseligkeit nicht besser definieren.

Woher kommt dieses Desinteresse?!

Werd ich nie kapieren. Echt nicht. Liegt das an der Erziehung? Den Umständen?

Erklärt’s mir. Macht Euren verdammten Mund auf und sagt mir, wie ihr nachts ruhig schlaft.

(Wer jetzt auf Dominik Brunner verweist, macht es sich zu einfach.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Latest Posts By Mary Tangerine

Kategorie

carpe vitem, much needed