16. Oktober 2017

Eltern, die altern

Ich fühle mich zerissen.

Zerissen zwischen Gefühlen grenzenloser Liebe, Angst und Hilflosigkeit.

Grenzenlose Liebe für meine Mutter, trotz allen Widrigkeiten zwischen Müttern und Töchtern, die das Leben eben so mit sich bringt. Weil sie immer ein strahlendes Vorbild für mich war: unabhängig, charakterstark, intelligent, bildschön. Ein Fels, nicht nur in meiner Brandung. Mein Leben lang, immer geackert, immer aktiv, immer unterwegs. Beliebt bei ihren Kollegen und Freunden, geschätzt und manchmal sicher auch verflucht ob ihrer großen Klappe. Mama hat immer gesagt, was sie denkt. Der hat noch nie einer die Butter vom Brot genommen. Mama hat sogar Onkel Hermann unter den Tisch gesoffen – das hat noch keiner seiner Brüder geschafft – und danach den einzigen Kater ihres Lebens gehabt.

Mama war unbesiegbar.

Jetzt habe ich Angst um Mama. Denn Mama wird alt, und es geht schnell in ihrem Fall. Blöde Diagnose vor zwei Jahren, arthritische Poly-Myalgie, allerdings mit Cortison einigermaßen erfolgreich behandelbar. Doch sie ist nicht mehr sie selbst, nicht mehr so mobil, vielleicht machen die Medikamente sie langsam im Kopf. Ich habe das Gefühl, ich müsste ihr alles doppelt erklären in letzter Zeit.
Dazu kommt ihr grauer Star, wegen dem sie im Moment noch nicht mal fernsehen kann, der aber bald operiert werden soll. Seit zwei Wochen quält sie sich zu Hause mit einem schmerzenden Rücken, sie hat da beim Husten wohl was eingeklemmt oder gezerrt. Rief mich an, ich müsse kommen und seit dem gehe ich so oft ich kann zu ihr.

Am liebsten wäre ich ja bei ihr eingezogen für ein paar Tage, damit ich mich richtig um sie kümmern kann, aber das Problem ist, meine Mutter ist Extremraucherin. Sie hat schon immer geraucht, ich kann mich an keinen einzigen Versuch ihrerseits erinnern, aufzuhören. Da sie nicht zum Rauchen auf den Balkon geht, führt das zwangsläufig dazu, dass es in ihrer Wohnung stinkt. Es stinkt sogar schon im Hausflur. Ich halte es da nicht länger als zwei Stunden aus – und ich rauche selber ganz gern mal eine Zigarette. Ich kann ihr also nur eine Suppe kochen, darauf achten, dass sie die auch isst und ihr ein wenig Gesellschaft leisten. Und wenn ich wieder gehe, sterbe ich jedes verdammte Mal vor lauter schlechtem Gewissen, einerseits, weil ich denke, ich müsste mehr tun, andererseits, weil ich glaube, dass sie in meiner Abwesenheit weiter raucht und Vodka trinkt, was in ihrem Zustand absolut unvernünftig ist. Meine Mutter ist nicht nur alt, sie ist auch suchtkrank. Aber das checkt sie nicht.

Und das macht mich hilflos. Machtlos muss ich mit ansehen, wie mein Fels immer weiter bröckelt, wie meine Mutter vor meinen Augen immer weniger wird. Die Frau, die ihr Leben immer gerockt und mir dabei eingetrichtert hat, mich nie von einem Kerl abhängig zu machen (alles gut, Mama, Ziel erreicht!), kommt nicht mehr alleine zurecht. Und sie hadert damit, sie ist stolz und schämt sich, dass sie nicht mehr kann. Ich sehe ihr das an und es zerreißt mir das Herz, weil ich nichts tun kann, um ihr das zu ersparen.

Heute haben meine Schwester und ich entschieden, dass sie ins Krankenhaus muss. Selbst konnte sie sich nicht wirklich dazu durchringen. Aber sie kann sich nicht mehr selbst versorgen, heute konnte sie noch nicht mal allein auf die Toilette. Sie konnte einfach nicht allein aufstehen.

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