7. November 2017

Süchtig.

Abhängigkeit (umgangssprachlich Sucht) bezeichnet in der Medizin das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. (Definition laut Wikipedia)

Wenn Menschen altern, ist das ganz natürlich. Im Idealfall geht das ohne größere gesundheitliche Gebrechen vor sich, und am Ende schläft der alte Mensch friedlich ein. Bei meiner Oma war das so, als sie nach 93 Jahren auf dieser Erde, nach elf Kindern, achtzehn Enkeln und acht Urenkeln ihren letzten Atemzug tat.

Bei meiner Mutter läuft es mit dem Altwerden traurigerweise alles andere als geschmeidig. Es ist unerbittlich hart und unfassbar schwer, mitanzusehen, wie der Fels in meiner Brandung immer schneller bröckelt. Erst waren es nur ein paar kleine Brocken, die Poly-Myalgie vor zwei Jahren, das Prednisolon, das sie seitdem nehmen muss. Doch seit zwei Monaten brechen dem Fels Trümmer weg, die mir Angst und Bange machen.

Denn meine Mutter ist schwer suchtkrank.

Wer jetzt an harte, echte Drogen denkt (mal abgesehen von dem Hammer, den ihr Rheumatologe ihr verschreibt) liegt falsch. Bei meiner Mutter sind es die zwei legalen und sozial akzeptierten Drogen („Genussmittel“ trifft es hier nicht mehr) Zigaretten und Alkohol.

Geraucht hat sie schon immer, ein bis zwei Packungen am Tag, möglicherweise auch mehr. Alkohol, so ich meiner Erinnerung trauen kann, nur in sozial verträglichen Mengen. Sie war jedenfalls keine Alkoholikermutter, hat sich wohl aufgrund ihrer eigenen Kindheit (ihr Vater hat sich im wörtlichen Sinne totgesoffen und war gewalttätig) zusammengerissen. Mama war immer sehr diszipliniert. Aber seit meine Eltern sich vor 23 Jahren getrennt haben, hat ihr Zigaretten- und Alkoholkonsum stark zugenommen. Dennoch war sie immer mobil, nahm ihre sozialen Termine wahr, traf sich mit Bekannten, hatte auch hin und wieder mal einen Freund. Aber auch sie wurde eben nicht jünger, und anders als mein Vater, der damals eine tolle Frau gefunden und wieder geheiratet hat, wurde Mama von ihrem letzten Macker wegen einer Jüngeren verlassen und blieb allein zurück.

Nun hatte sie nur noch ihre treuen Freunde Benson, Hedges & Moskovskaya.

Vor zwei Monaten brach dem Fels ein wahrer Stützpfeiler weg: der graue Star, den meine Mutter hat, und der eigentlich operabel wäre, hat sich vermutlich durch ihren jahrzehntelangen heftigen Nikotin- und Alkohol… ja, man muss schon sagen „missbrauch“, derart verschlimmert, dass meine Mutter auf einem Auge nur noch 10% und auf dem anderen 5% Prozent Sehkraft hat. Sie kann also noch nicht mal mehr fernsehen. Durch das Cortison ist sie sehr geschwächt und langsam und richtig matschig in der Birne noch dazu.

Ein Schatten ihrer selbst sitzt sie dann da, wenn sie nicht schläft, und raucht. Manchmal läuft die Glotze, damit überhaupt irgendein Geräusch die Stille durchbricht, die sonst nur von ihrem Weinen durchbrochen wird.

Es zerreißt mich jedes Mal, wenn ich sie besuche, und das ist oft in letzter Zeit, denn sie kann sich kaum selbst versorgen. Isst nichts, vergisst, Wasser zu trinken. Wenn ich dann komme, merke ich, wie gut ihr das tut. Aber sie schämt sich auch. Hat Angst. Sagt, dass sie nicht halb blind leben möchte. Obwohl ihre Pflegestufe beantragt ist und gerade geprüft wird. Sie hadert mit ihrem Schicksal, weiß, dass sie – streng genommen – selbst schuld ist. Sie hat ja noch nichtmal in Erwägung gezogen, vielleicht weniger zu rauchen oder gar aufzuhören. Sie weiß um ihre eigene Geschichte und die ihres Vaters und kann aber ohne Vodka trotzdem nicht einschlafen. Und am nächsten Morgen ist ihr schwindlig, denn sie wiegt nur 45kg bei 1,60m Körpergröße.

Meine Schwester und ich, wir würden sie beide zu uns holen wollen, aber das will sie nicht. Und zu ihr ziehen ist keine Option, denn ihr Zigarettenkonsum ist wirklich extrem. Man riecht es schon, wenn man von draußen den Hausflur betritt – meine Mutter wohnt im Hochparterre. Es ist echt krass.

Die Sorge um meine Mutter ist immens. Sie hat davon gesprochen, sich das Leben zu nehmen. Ich saß neben ihr als sie das sagte, nach dem Augenarzttermin vor drei Wochen und der erschütternden Diagnose. Morgen soll noch ein abschließender Test in einer speziellen Augenklinik stattfinden, doch meine Mutter hat keine Hoffnung mehr. Und ich sehe ihr an, dass sie sich jeden Abend wünscht, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben.

Meine Mutter war schon immer süchtig. Früher nach Leben.

Ihre jetzige Droge macht mir Angst, denn sie ist tödlich.

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