20. September 2018

Der Abgrund

Seit Monaten war es abzusehen. Dass Du Dich auf den Abgrund zu bewegst. Rapide bergab noch dazu, ungebremst, denn Deine Bremsen haben schon vor langer Zeit versagt. Wir hatten uns verfangen und rutschten mit, über Schotter und Geröll, blutend und unter Schmerzen. Meine Schwester begriff es als erste und trat sich los. Kletterte den Berg wieder hinauf und rief mir zu: „Lass sie los! Sie zieht Dich mit in den Abgrund!“

Ich wusste, dass sie Recht hat, aber ich schaffte es lange nicht, Dich fallen zu lassen, und der Abgrund kam immer näher.

Jetzt ist er da und Du hängst. Meine Hand habe ich freibekommen aus Deiner Umklammerung, aber Du hängst an meinem Ärmel fest und lässt ihn nicht los. Ich rutsche mit. Hätte ich doch eine Schere, ich würde den Ärmel einfach abschneiden.

Ich möchte, ich will, ich MUSS Dich fallen lassen, sonst falle ich mit Dir. Aber ich rutsche noch. Deine Finger haben sich verkrallt in meinen Ärmel.

Lass mich los, Mama. Ich kann nicht mehr.

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