Da steht sie. Die leere Vodkaflasche, auf dem Sisalteppich neben der Heizung. Von der ich insgeheim doch wieder gehofft hatte, sie nie wieder zu sehen. Zwei, vielleicht drei Monate warst Du trocken. Erst im Wenckebach, dann in der Kurzzeitpflege. Doch weil nichts Deinem Trotz trotzen kann, bestandst Du darauf, nach den zwei Wochen wieder allein zurück nach Hause zu gehen. Jedes verdammte Mal, wenn der Begriff „Pflegeheim“ fällt, kommt Deine Antwort wie aus dem Zapfhahn geschossen: „Das ist wie in einem Krankenhaus da. Ich will nicht bis ans Ende meiner Tage in einem Krankenhaus leben! Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie das ist!“ Im Brustton einer überzeugten Dreijährigen sagst Du das, immer und immer wieder. Weil Du einmal im Haus Leonore warst und Dir das Zimmer dort zu „ungemütlich“ war – dass Du das Zimmer selber einrichten und gemütlich machen kannst, so wie ich es Dir immer wieder sage, das interessiert Dich nicht. Und dass Du schon jetzt in einem Krankenhaus lebst, ganz einfach weil Du im besoffenen Kopp dann doch wieder den Rettungswagen rufst (letztes Jahr insgesamt neun Mal, ich hab die Zuzahlungsrechnung bezahlt), der Dich in die Klinik bringt und wieder hochpäppelt, das checkst Du schon gar nicht. Beziehungsweise willst Du es nicht checken. Aber Tatsache ist, dass Du 2018 mehr Zeit in Kliniken verbracht hast, als in Deinen verräucherten vier Wänden.

Ich habe unzählige Male überlegt, warum ich das alles (noch) nicht mit Humor nehmen kann. Weil darüber lachen eben auch Loslassen bedeutet. Auf Youtube habe ich mal einen Film angefangen, da machte der Protagonist Standup-Comedy aus der Tatsache, dass sein Vater säuft wie ein Loch ohne Boden. Die erste Pointe, über die ich übrigens immer noch nicht lachen kann: „My Dad doesn’t have a drinking problem! He has no problem drinking. What my Dad has is a stopping problem!“ Ich sollte das lustig finden, aber ich empfinde nur Neid und Wut. Neid darauf, dass der Typ im Film schon so weit ist, Wut auf mich, weil ich noch nicht mal schmunzeln kann.

Und ja, auch auf Dich bin ich immer noch wütend. Ich kann noch immer nicht begreifen, dass Du Dir nicht helfen lässt. Du bist wie so ein renitenter Krebspatient, der sich mit Händen, Füßen, Zigaretten und Vodkaflaschen gegen die Chemo wehrt. Und dafür hasse ich Dich. Ein bisschen.

Ich hasse Dich für Deine nicht endenden Lügen. Dafür, dass ich kein Feierabendbier mehr trinken kann, ohne mich zu fragen „Ist das nicht ein bisschen früh am Abend für Alkohol?“

Doch schwerer als der Hass auf Dich wiegt der Hass auf mich selbst. Ich hasse mich dafür, dass ich die vielen Arztbriefe lese, einschließlich Deiner Blutwerte und anderen Diagnosen und dabei denke: „Wie kann es sein, dass sie noch keine Zirrhose hat?“ Mein Herz, das normalerweise so weich ist, dass Kartoffelpüree dagegen wie Zement wirkt, mein Herz ist steinhart geworden. Und jede einzelne leere Vodkaflasche, die wir aus Deiner Wohnung rausgeschleppt haben, ist ein Tropfen, der meinen Herzstein stetig höhlt.

Und jetzt steht er hier, dieser Tropfen, auf dem Sisalteppich neben der Heizung. Ich starre ihn an, krame nach dem Handy und mache ein Foto, um es meiner Schwester zu zeigen. Bis eben habe ich wirklich geglaubt, Du meinst es ernst mit dem Aufhören. Hast mich schon wieder verarscht, Mama. Zum verfickten tausendsten Mal.

Nie hätte ich gedacht, dass ich fähig wäre, jemandem dem Tod zu wünschen. Wie schwer mir das fällt, das überhaupt zu tippen. „Tod“ und „wünschen“ in einem Satz. Wie heiß mir wird, weil ich mich so derbe dafür schäme. Wie froh ich bin, dass mich niemand so sieht. Wie mir davor graut, dass Du mich anrufen wirst, weil Du irgendwas brauchst. Und mich gleich, sofort wieder für diesen Gedanken schäme. Weil ich genau weiß, dass Du sonst niemanden mehr hast.

Ich würde Dich ja loslassen. Aber Du lässt mich nicht.

Ich sage Dir nicht, dass ich die Flasche gefunden habe. Ich habe keine Lust auf Deine gelogene Erklärung.

Ich fahre nach Hause, mache mir Kartoffelbrei und trinke ein Bier dazu. Siehe da, es schmeckt. Wahrscheinlich, weil ich reingeheult habe.

 

 

 

Anmerkung der Autorin: ich wollte schon länger wieder was schreiben, hatte aber irgendwie nicht so den „spark“. Dann stolperte ich über Jasminas FB-Post, in dem sie auf diesen Beitrag von Sascha Bisley hinweist und wurde überraschend getriggert, ähm, inspiriert. Danke dafür.

Join the conversation! 2 Comments

  1. […] Steter Tropfen höhlt das Herz […]

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  2. Ich kann dich gut verstehen, deine Wut, deine Enttäuschung, deine Wut auf dich selbst, dass du dich (wieder einmal) hinters Licht hast führen lassen, dass du die Schwüre zum x-ten Mal IMMER noch ernst genommen hast und – wieder einmal – bodenlos enttäuscht wurdest, dass du längst nicht nur deswegen, aber dann wieder auch deswegen Hass empfindest, dessen du dich auch noch schämst, denn wer hasst schon seine Mutter/seinen Vater/seine Eltern? Ich kann dich gut verstehen, denn das alles ist mir nicht unbekannt.

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