Dieser Tage muss ich oft meine Großmutter denken. Theresia, Oma Thea, Resi… ruhe sanft.

Theresia wurde im Mai 1919 geboren, im Vogtland, machte eine Lehre zur Schneiderin, war einmal auch Unterwäschemodel und lernte irgendwann während des Krieges meinen Großvater kennen. Der heiratete sie vom Fleck weg, sie bekamen drei Söhne, dann war der Krieg vorbei. Er nahm sie mit nach Niedersachsen, wo sie sich niederließen, noch acht weitere Kinder bekamen, von denen zwei sehr jung verstarben. Acht Jungs und ein Mädchen sind zu tollen Menschen herangewachsen, mein Vater ist der Älteste.

Da sich alle ihrer Kinder selber fortpflanzten, konnte sie am Ende ihrer Tage auf eine stolze Anzahl von lauten Enkelkindern und noch lauteren Urenkeln zurückblicken. Ein erfülltes Leben, wenn man so will. Erfüllt von mitunter sehr bitteren Entbehrungen, direkt nach dem Krieg als Geflüchtete, voll von harter Arbeit in der gerade gegründeten Gärtnerei meines Großvaters. Von der immer größer werdenden Kinderschar mal ganz zu schweigen. Oma hatte immer zu tun, irgendein Topf stand immer auf dem Herd, irgendeins der Kinder rief immer „Mama!“, irgendeiner musste immer mit anpacken im Blumenladen. Freizeit war für Theresia ein Fremdwort. Ferne, ganz ferne Utopie. Lichtjahre. Und dennoch, sie hat nie geklagt. Theresia hatte immer den Schrank voll für uns Kinder, „was zu schleckern“, wie sie es nannte. Oma war Glück und Geborgenheit. Urlaub bei Oma war für uns Stadtkinder (zwei ihrer Söhne, einer davon mein Vater, gingen nach West-Berlin und ließen sich dort nieder) das pure Abenteuer. Das Grundstück, das zur Gärtnerei gehörte war riesig, in den Gewächshäusern war es immer warm und roch nach Erde. Der Geruch nach Erde sorgt bis heute für ein Zuhause-Gefühl bei mir. In Blumenläden fühle ich mich unmittelbar gut aufgehoben. Ganz, ganz hinten auf dem Grundstück gab es einen Teich, daneben stand ein alter Schuppen. Da haben meine Schwester und ich „Angeln“ gebastelt und in den trüben, fischlosen Teich ausgeworfen. Außer der sporadischen leeren Bierflasche oder triefenden Zigarettenschachtel, den traurigen Überresten der heimlichen Partys unserer älteren Cousins, haben wir natürlich nichts zutage gefördert. Aber das war egal. Ferien bei Oma Thea, das hieß auch: den ganzen Tag draußen und Klöße zum Mittag. Griene Kleeß, nach vogtländischem Rezept.

Meine Oma hatte nach 93 Jahren den allerschönsten Tod, den man sich vorstellen kann. Nicht, dass das den Tod weniger schrecklich machen würde, aber wenn man sich die Art aussuchen könnte that would be my death of choice. Und zwar aus Gründen:

Ihr Tod war im Grunde genommen selbstbestimmt und in einem Alter, wo man durchaus sagen kann „Das reicht jetzt vielleicht auch mal“. Bis zuletzt hat sie allein gewohnt, ebenerdig, sich selbst trotz Gehhilfe versorgt (mit Ausnahme der Einkäufe, die von Verwandten erledigt wurden), gekocht, gestrickt und gehäkelt. Auch wenn das in den letzten Jahren natürlich alles immer langsamer wurde. Ihren 93. haben wir noch gemeinsam in ihrer Wohnung begangen, ich erinnere mich, wie wir in ihrem Wohnzimmer saßen und alte Fotos ansahen, Oma wirkte fast durchsichtig, lauschte nur noch, saß friedlich mit geschlossenen Augen in ihrem Sessel. Am Tag danach verabschiedete ich mich das allerletzte Mal von ihr und sah sie ein letztes Mal unserem Auto hinterherwinken, während sie sich auf ihren Rollator stützte. Es fühlte sich komisch an. Ich habe geahnt, dass es vielleicht das letzte Mal ist, und Oma wusste es wohl. Ein paar Wochen darauf starb sie dann. Mein Vater war zu ihr gefahren, mit seiner Frau. Die Pflegerin, die sich jeden Tag um Thea kümmerte, fragte sie abends, ob sie ihre Tabletten (die ihr das Leben überhaupt ermöglichten) nehmen möchte. Meine Oma verneinte, auch nach dem Hinweis, dass sie dann nicht mehr aufwachen würde. „Dann ist das eben so.“

Gesagt, getan. Der Arzt, der den Tod am Morgen feststellte sagte, es gäbe keine Anzeichen, dass sie Schmerzen oder Krämpfe gehabt hätte. Theresia ist am 25. Mai 2012 friedlich eingeschlafen, im Beisein ihres ältesten Sohnes und seiner Frau. Nach dreiundneunzig Jahren hat sie das selbst entschieden. Ein Traum von einem Tod, wenn ihr mich fragt.

Vielen alten Menschen ist dies im Moment nicht vergönnt. Ein würdevoller, mehr oder weniger selbstbestimmter Tod. Weil: Corona.

Wenn alte Menschen mit Covid-19 auf die Intensivstation kommen, bekommen sie wahrscheinlich keinen Verwandtenbesuch. Keine Blumen von den Nachbarn, keine selbstgemalten Bilder von den Enkeln. Im Vice-Bericht „Italy’s Darkest Hour“ (im Fernsehen gesehen, findet man sicher bald auf YouTube) wird ein Überlebender befragt, nachdem er die Intensivstation verlassen hat. Wie es ihm geht und welche die schlimmsten Momente waren. Natürlich spricht er über die Furcht vor dem Tod. Über die Unfähigkeit, zu atmen, sich zu bewegen. Doch er spricht auch über die Einsamkeit. Darüber, wie allein er war, dass niemand kommen konnte, außer dem Pflegepersonal. Wie sehr er seine Familie vermisst hat. Er spricht über die Angst, sie nie wieder zu sehen, zu sterben ohne sich verabschieden zu können.

Er war nicht der einzige in dem Bericht. Es war schwer, mitanzusehen. Es trifft diese alten Menschen so unglaublich hart. Und dann liegen sie da, verstehen die Welt nicht mehr und müssen sich mutterseelenallein ihrer Todesangst stellen. Ich möchte, dass Ihr Euch das mal vorstellt. Denkt an Eure Oma und stellt Euch vor, wie sie da liegt. Allein. Nach Luft ringend. Dem Tod näher als dem Leben, ohne eine Hand, die ihre Hand hält, ihr die Angst nimmt. Stellt Euch mal vor, wie das ist. Fragt Euch: möchte ich, dass meine Oma, mein Opa, mein Vater, meine Mutter, so sterben? Allein? Fragt Euch selbst: habe ich eigentlich Angst vor dem Tod? Möchte ich, dass dann jemand bei mir ist? Meine Hand hält? Mit mir spricht, mir zuhört? Wie groß wäre meine Angst?

Meine Oma hatte das große Glück, in ihren letzten Momenten nicht allein zu sein. Es war mir wichtig, ihr verhältnismäßig schönes Ableben zu illustrieren, damit der Kontrast zum Tod durch Covid-19 deutlich wird. Sterben ist schlimm genug, allein und isoliert zu sterben ist das bitterste, traurigste Schicksal, das einen ereilen kann, denke ich.

Wenn wir uns jetzt nicht am Riemen reißen, weil es so unbequem ist, so langweilig, das mit den Einschränkungen, jetzt auch noch Maskenpflicht, oh Gottogott, Diktatur!!! Quarantäne reicht doch, die Zahlen! Hat doch funktioniert! Dann wird es uns, euch, mich, dich auch treffen. Die Gefahr eines schweren Verlaufs beschränkt sich nicht auf die Risikogruppen. Wer soll denn in die offenen Geschäfte gehen, wenn am Ende alle krank sind? Ich les die Scheiße doch jetzt schon auf Facebook: „Ich werde keine Maske in der U-Bahn tragen!“ Maskenpflicht mit Diktatur gleichzusetzen, das ist so armselig und so respektlos, so arrogant und dumm. Wie bequem kann man eigentlich sein?

Fast möchte ich sagen: Wohlan, so gehet hin und sterbt! Einsam und allein, ein ängstlicher Schatten Eurer selbst!

Doch tatsächlich wünsche ich das niemandem.

Ich würde ja gern schließen mit einem beherzten und hoffnungsvollen „Es ist an uns allen! Wir packen das!“ Aber ganz ehrlich, ich bin ernüchtert. Ich bin überzeugt, dass es zu viele einfach nicht begreifen.

Ich werd Maske tragen. Mehr kann ich nicht machen. Ich werd aber auch keinen anlabern, der es nicht tut. Ich bin des Anlaberns müde. Und ich werd zu Hause bleiben, wann immer ich kann.

Der Gedanke, dass dieses Schicksal meine Oma nicht ereilen wird, weil sie alles schon hinter sich hat, der ist sehr tröstlich. Der Gedanke, dass es meine Eltern womöglich trifft, raubt mir den Schlaf.

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