Zeit ist eine komische Erfindung.
Ich stelle mir eine x-Achse vor, der rechte positive Bereich ist die Zukunft, links und negativ steht die Vergangenheit. Aber was, wenn es auch eine y-Achse gibt? Und eine z-Achse? Ist die Zeit dreidimensional, wie ein Vektor?

In Mathe war ich immer nur dann gut, wenn ich mir die Sachen vorstellen konnte, wenn sie für mich nachvollziehbar waren. Geometrie war mein Ding, Integralrechnung war auch ganz cool, und sogar mit Wahrscheinlichkeitsrechnung hatte ich relativ wenig Probleme. Bernoulli und seine Kette waren immer meine Freunde.
Schlimm waren die Logarithmen. Gebrochen-rationale Funktionen. Ich habe nie verstanden, wozu es gut sein soll, Buchstaben ein Minus voranzustellen, ganz klein zu schreiben und oben rechts neben eine sowieso schon seltsame Zahl zu schreiben. War nicht Mathematik die Wissenschaft der Zahlen?

Nun liegt die Zeit meines Abiturs ziemlich weit links auf der x-Achse, 1993 hatte ich „ausgelernt“, mit einem anständigen Durchschnitt, ich hatte gerade meine Unschuld verloren und war im Begriff, meine erste weite Reise auf einen anderen Kontinent zu unternehmen. Das Leben war ein Abenteuer, aber ich habe das Gefühl, ich habe das damals gar nicht richtig begriffen. So, als hätte ich das alles irgendwie intensiver erleben müssen.

Doch es hat heute manchmal den Anschein, als wäre ich bloß ein passives Element in meinem eigenen Leben gewesen, ich wurde gelebt, anstatt selbst zu leben.
Was, wenn ich nicht Sprachen studiert hätte? Was, wenn ich gegen den Willen meiner Eltern, so wie ich es eigentlich wollte, mit 16 die Schule geschmissen und eine Fotografen-Ausbildung gemacht hätte? Was, wenn das mit der Klavierbau-Ausbildung geklappt hätte, nach dem Abi?

Dann würde ich heute vielleicht Klaviere bauen und sie fotografieren, während ich meinem Hobby, den Sprachen, fröne.

Es sieht so aus, als bekäme ich eine zweite Chance. Da ist jetzt wieder so ein Gefühl, als stünden mir 1000 Möglichkeiten offen, oder vielleicht ist es einfach immer so und es liegt an einem selbst, das zu registrieren. Jeder ist seines Glückes Schmied, sagt man.

Und wenn ich keine Sprachen in Germersheim studiert hätte, wenn ich all die Menschen nicht in meinem Leben hätte, ja dann wären da natürlich andere Menschen, und sehr wahrscheinlich wäre mein Leben trotzdem ziemlich cool – Tatsache ist, dass ich das nie wissen werde, mir dieser Umstand aber, im Gegensatz zu damals, egal ist.

Es kommt sowieso, wie es kommt, und man muss es so nehmen, wie es kommt.
Q.E.D. würde meine Mathelehrerin sagen, und sie hätte vollkommen recht damit.

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