Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Gut möglich.

Meine Hoffnung liegt im Koma. Und das schon eine ganze Weile. Sie ist an Schläuche und Instrumente angeschlossen, die sie künstlich am Leben erhalten. Schläuche und Instrumente in Form von Freunden und Familie, ohne die das ganze hier gar nicht möglich wäre.

An Tagen wie heute leidet die Hoffnung und ihr Zustand verschlechtert sich, die Schläuche und Instrumente arbeiten langsam, weil sie eben auch nur Dinge sind, von Menschen gemacht, die es zwar gut meinen, aber manchmal einfach nicht besser wissen.

Warum die Hoffnung so schwer erkrankt ist?

Sie hat sich angesteckt, an meiner Naivität, die mich immer wieder ins offene Messer laufen lässt. Das offene Messer, das sich als Licht am Ende des Tunnels verkleidet, aber sobald man bei dem Licht ankommt, geht es aus, es ist dunkel und da ist gar nichts. Und ich weiß nicht wohin, strecke die Arme aus im Dunkeln aber da ist nichts, außer der Erinnerung an das, was mal war. Und auch wenn ich vorsichtig bin und versuche, langsam zu laufen, irgendwas bringt mich doch immer zu Fall und schädigt das Immunsystem meiner Hoffnung. Sollte ich vielleicht langsamer laufen? Dann besteht die Gefahr, dass ich stehen bleibe. Stillstand ist Tod. Stehen bleiben, das geht nicht. Ging noch nie. Genausowenig wie die Klappe halten.

Meine Hoffnung, mein Glaube an mich selbst wurde vergiftet von den Zweifeln eines Menschen, der mir so nahe war, wie niemand zuvor. Jemandem, der genau wusste, wie sehr er mich mit seinen Worten berührt, aber nicht darüber nachgedacht hat, was das mit mir macht. Dem ich, so wie ich war, nicht gereicht habe.

Jahrelang hat mich dieses Gefühl begleitet, dass es ihm einfach nicht reicht. Er liebt mich doch! habe ich gedacht, und wenn er Zweifel hat, dann haben die ganz sicher ihre Berechtigung! Er sagt mir das ja nur, gerade weil er mich liebt und es gut mit mir meint, und sich als Mensch weiterzuentwickeln ist ja auch irgendwie sinnvoll. Aber es ging nicht um Weiterentwicklung. Es ging um mich und meine Schwächen, die zu mir und meinem Wesen gehören, zu denen ich stehe, und die nicht veränderbar und auch eigentlich nicht so schlimm sind.

Das denke ich jetzt. Damals dachte ich, was er dachte, sein Wort war Gesetz für mich und stand über allem anderen. Meine Hoffnung, mein Glaube wurde über den Haufen gefahren, schwer verletzt von der Erkenntnis, dass ich vielleicht all die Jahre in den falschen Menschen investiert habe und er mich nie so akzeptieren konnte wie ich bin. Nicht weil er nicht wollte, sondern weil er einfach ist wie er ist und auch nicht anders konnte.

Genausowenig wie ich jemand anderes sein kann, als ich bin. Ich habe es versucht, viel zu lang, aus Liebe, aber es tat mir nicht gut. Es war wie eine schleichende Vergiftung, die einem nicht auffällt, und als ich sie bemerkte, konnte ich nicht mehr zurück.

Die Wut in mir über die Zweifel, die er an mir hatte, konnte ich erst nicht als solche erkennen, da war nur eine große Unzufriedenheit, die sich einen Weg bahnte. Mein kaputtes Herz, das über die Zeit Stück für Stück von seiner Skepsis zerbrochen worden war, suchte nach Genugtuung – und brach seins.

Meine Hoffnung ist bettlägerig, und wahrscheinlich braucht sie neben den Schläuchen und Instrumenten auch Medikamente. Das Problem ist, dass ich nicht weiß, welche Therapie funktioniert. Für Experimente ist die Immunabwehr meiner Hoffnung zu geschwächt, das hat der letzte Versuch gezeigt. Ohne Medikamente weiß ich nicht, ob ihr genug Zeit zur Genesung bleibt.

Kann man seine eigene Hoffnung überleben und zu Grabe tragen? Erträgt man das überhaupt?

Müsste ich meine Hoffnung beerdigen, ich glaube, ich würde daran zerbrechen. Und ich hoffe so sehr, dass ich bald ein Medikament finde, das meiner Hoffnung hilft.

Denn schon Ovid hat gesagt, die Hoffnung ist es, die die Liebe nährt, ohne Hoffnung also keine Liebe und ohne Liebe… na ja, das muss ich wohl niemandem erklären, was das für ein Leben wäre.

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